Töpfern: altes Handwerk – neuer Trend
„The shaping of clay
was probably the first
human handicraft,
requiring no tools
but the hands themselves.“
- W.B. Honey -
Seit einigen Jahren sprießt ein Töpferstudio nach dem anderen aus dem Boden – und Keramik ist plötzlich überall. Kann ich gut verstehen: Auch mich hat die Töpferleidenschaft gleich beim ersten Berühren des Tons an der Scheibe gepackt. Aber warum eigentlich? Was macht dieses uralte Handwerk so faszinierend? Und weshalb wirkt Töpfern angeblich so meditativ?
Ein Blick in die Keramik-Geschichte
Wenn wir verstehen wollen, warum Keramik heute so beliebt ist, lohnt sich ein kurzer Blick zurück. (Und das sage ich – wo Geschichte in der Schule definitiv nicht mein Lieblingsfach war. Keine Sorge: Hier gibt’s keine Jahreszahlen zum Auswendiglernen.
Die Herstellung von Keramik gilt als erstes Handwerk der Menschheitsgeschichte. Wie genial ist das bitte? Gefäße aus gebrannter Erde sind sogar das älteste Zeichen für Zivilisation. Schon Jäger und Sammler produzierten Tongefäße. Überall, wo sich Menschen niedergelassen haben, finden sich Tonscherben – wie kleine Zeitkapseln, die uns etwas über den Alltag längst vergangener Kulturen verraten. Man kann sagen: Keramik ist wie der Fingerabdruck einer Kultur.
Spannend finde ich, dass die Keramikherstellung in vielen Kulturen traditionell in Frauenhand lag, zum Beispiel bei den Pueblo in Mexiko. Frauen spielten über Jahrtausende hinweg eine zentrale Rolle in der Keramikproduktion.
Nur mit meinen Händen
Aber erklärt das schon den heutigen Töpfer-Boom? Nur ein bisschen.
Wer jemals ein Kind beim Sandspielen beobachtet hat, versteht sofort: In ein Material hineingreifen und es direkt formen zu können, ist pure Faszination. Und während Sand sofort zerbröselt, bleibt Ton formbar, gibt nach, hält – und lässt sich unendlich oft neu gestalten.
Das Erfolgserlebnis kann sofort da sein (Hallo, Pinching-Technik!). An der Töpferscheibe braucht es mehr Übung, aber dafür ist dieses Gefühl des sich drehenden Tons unter den Händen einfach unbeschreiblich. Vielleicht liebe ich deshalb diese Technik so sehr.
Und wenn dann auch noch etwas Brauchbares, Langlebiges entsteht – wow.
Erde erdet
Und das Meditative? Das kommt, glaube ich, aus mehreren Gründen.
Ton ist uralte, verdichtete Erde. Schon ein einziger Griff verbindet uns mit etwas, das sich viel größer und älter anfühlt als wir selbst. Das beruhigt.
Wer schon einmal getöpfert hat, weiß außerdem: Am Anfang muss man vollständig bei der Sache sein. Sonst macht der Ton auf der Scheibe, was er will. Unsere Hände sollen ihn zentrieren – aber dafür müssen erst wir selbst in unserer Mitte sein. Der Rest der Welt darf kurz verschwinden. Genau wie bei einer Meditation: Gedanken vorbeiziehen lassen, Aufmerksamkeit auf das richten, was direkt vor uns liegt.
Töpfern verbindet
Und dann ist da noch die Gemeinschaft. Wie schön ist es eigentlich, dass Menschen aller Altersgruppen zusammenkommen, das innere Kind rauslassen und – hoffentlich – Perfektionismus und Alltagsstress an der Studiotür abgeben?
Sie machen sich die Hände schmutzig, die Schürzen matschig und erschaffen etwas, das sie mit Stolz erfüllt. Etwas, das später den eigenen Küchenschrank bereichert.
Man kann nur hoffen, dass es noch viele weitere Töpferstudios geben wird – Orte, die Menschen erden, verbinden und den Töpfer-Trend weitertragen.
PS: Der Real-Talk aus der Werkstatt
Wie ihr euch wahrscheinlich denken könnt, spreche ich hier vor allem vom Töpfern als Hobby. Denn – sorry, wenn ich die Meditationsmetapher jetzt ein kleines bisschen ruiniere –: Wenn Töpfern zum Beruf wird und man (hoffentlich!) viel Keramik produziert, kann es körperlich richtig anstrengend sein.
Ist es deshalb weniger schön? Nein! Aber zusätzlich zu den meditativen Momenten kommen dann eben auch Ton schleppen, Ton recyceln, Studio putzen und das ganze Drumherum dazu. :-)
Happy Töpfern, ihr Lieben!
Quellen:
Greenhalgh, Paul: Ceramic, Art and Civilisation. Bloomsbury Visual Arts, London, 2021
Rhodes, Daniel; Hopper, Robin: Ton und Glasur. Hanusch Verlag, Koblenz, 2006