Von der Eifersucht meiner Töpferscheibe.
Zwei Wochen vor meinen Märkten, als die Produktion schön langsam ein Ende finden sollte (Hallo Trocknungs- und Brennzeiten!), entscheide ich: Jetzt ist der perfekte Moment, um Ideen, die seit etwa zwei Jahren in meinem Kopf herumschwirren, in die Tat umzusetzen. Keramik ist auch wirklich das ideale Medium für spontane Projekte unter Zeitdruck. Ähem.
„Ich arbeite nur an der Töpferscheibe“, habe ich immer gesagt. Tja, das ist ab diesem Augenblick Geschichte. Schon schwenke ich den XL-Nudelwalker unseres Gemeinschaftswerkstattswerkzeugfundus in den Händen (Gratulation, wenn du das Wort beim ersten Versuch entziffern konntest!) und walke wie wild einen Klumpen Ton nach dem anderen aus.
Meine Hände übersetzen intuitiv die Bilder in meinem Kopf in reale Formen aus Tonplatten. Sie schwingen, sie biegen Ränder auf, sie schnitzen Linien, sie legen über andere Objekte darüber, sie unterstützen Hohlräume, sie streichen glatt.
Von ihrem Eck am Fenster aus wirft mir die Töpferscheibe hin und wieder traurige Blicke zu, als wollte sie sagen: „Lässt du mich jetzt im Stich? Bin ich dir etwa nicht mehr wichtig, nur noch nutzlos? Werde ich verstauben und komplett in Vergessenheit geraten?“ „Nein, du Süße. Du bist meine erste Liebe und wirst auch die größte bleiben. Aber noch mehr als Altbewährtes ist mir Weiterentwicklung wichtig. Das verstehst du doch, oder?“ Eine kleine Träne kullert ihr herunter. Dann nickt sie langsam. „Immer gibt es im Leben Veränderung. Kann nicht einmal einfach alles so bleiben, wie es ist?“ „Sicher nicht!“, rufe ich ihr vom großen Arbeitstisch in der Mitte des Raumes zu, während ich fröhlich vor mich hin summe und die ersten neuen Stücke Form annehmen.
Einer Freundin, der ich Keramik versprochen habe, schicke ich bald darauf ein Foto meiner neu entstandenen Formen. „Wären die was für dich?“ (Insgeheim hege ich die Hoffnung auf eine erste jubelnde Zustimmung zu meinen spontanen Entwicklungen).
Ihr Kommentar: Sie sei gespannt auf die Reaktionen, die ich am Markt dazu bekommen werde.
Meine Interpretation ihrer Nachricht: „Bitte Serena, bleib doch bei Altbewährtem!“
Sprachinteressiert wie ich bin, achte ich an den zwei Markttagen darauf, was sich Besucher*innen über meine Keramik gegenseitig zumurmeln oder auch an mich gerichtet kommentieren. Fast immer erkenne ich gewisse Trends. Die Favoriten diesmal, vor allem bei Publikum in den (geschätzt) 20ern: „Fesch“ und „starke Arbeit“. Na dann!
Wie immer lade ich staunende Leute dazu ein, die Keramik in die Hand zu nehmen – dafür habe ich sie ja gemacht. Grinsend wie kleine Kinder folgen sie der Aufforderung meist. „Ah!“ und „Oh!“ „So samtig, angenehm! Und diese Bretter, die sind toll.“ Vielen Dank auch, jetzt hab ich endlich meinen wohlverdienten Jubel!
Vielleicht schenk ich der Freundin eins der Bretter. Nicht, um ihr den nicht-gegebenen Applaus heimzuzahlen, sondern weil ich sie ehrlich mag, die neuen Plattentechnikstücke genauso ehrlich mag und glaube, dass sie von meiner „starken Arbeit“ in Natura im Endeffekt auch begeistert sein wird. Außerdem macht sie tolle Food-Fotos, auf denen sie die Wunderbretter oder Servierplatten bestimmt gut in Szene setzen würde. Fesch!
Note to Self: Ideen sind da, um verwirklicht zu werden. Druck raus – einfach loslegen und schauen, was passiert.
Erstveröffentlichung: 15. Oktober 2025