Einmal alles, bitte!

Einmal alles, bitte!

Aussage 1: Du kannst nicht alles auf einmal machen, sagen sie.

Aussage 2: Verknüpfe neue Gewohnheiten mit bestehenden, sagen sie.

Ich kann nicht singen, habe ich immer gedacht. Und gefühlt. Es war einfach nur ein gequetschtes Irgendwas, was ich da an Tönen fabrizierte – verwunderlich, dass meine Stimmbänder noch heil sind. Wobei, über das einmal jährliche Weihnachtslieder-Singen und dazwischen gelegentlich Happy Birthday ging meine Singlaune ohnehin nicht hinaus. Babys im Bauch Lieder vorsingen? Fehlanzeige. Kinderlieder, Schlaflieder oder gar Mama-Kind-Singgruppen? Nicht mit mir. Ich kann ja nicht singen. Und außerdem mag ich das Singen ja auch gar nicht. Die Reihenfolge dieser zwei Gedanken habe ich nie hinterfragt und ich war immer zufrieden mit meinem Label als „die, die ständig vor sich hin summt oder pfeift“. Singen durften andere.

Dann habe ich aus einer Laune heraus begonnen, Gesangstunden zu nehmen. Wobei Vocal-Coaching viel besser klingt – also nennen wir es so. Zusätzlich zu Klavier, Jazz-Querflöte und dem Traum vom Schlagzeug – wieso nicht auch das Instrument Stimme trainieren? Und alle, die es in meiner Gegenwart wagten, Aussage eins auch nur zu denken, kassierten zuerst einen bösen Blick – und dann die Ankündigung, ich würde ihnen schon das Gegenteil beweisen.

Ob mein Gesang jetzt wirklich besser klingt als früher, weiß ich nicht. Aber: Jetzt macht das Singen Spaß und fühlt sich freier an. Reicht für meine Sängerinnen-Ansprüche!

Man sollte meinen, dass ich nun vor lauter Singbegeisterung ewig mit den Stunden weitermache. Wäre da nicht Aussage eins – und meine Einsicht, dass sie leider stimmt. Denn nach einem Jahr musste ich feststellen: Auch meine Woche hat nur eine begrenzte Zahl an Stunden. Mir wurde alles zu viel, irgendwas musste gehen. Und so schmerzlich es war: Die eine Stunde Vocal-Coaching musste daran glauben. Ich sah meine neu erlernten Gesangskünste bröckeln und mich selbst wieder zur summenden und pfeifenden Version meiner selbst werden.

Dann kam Aussage zwei ins Spiel.

Glaubt nicht, dass ich völlig crazy bin, wenn ich mal in Wien an euch vorbeiradle – mit dem Lastenrad, mit dem ich kaum mehr Kinder transportiere, dafür umso mehr Keramik oder Bücher – und dabei seltsame Laute von mir gebe. Ich mache nur mit Inbrunst meine Gesangsübungen. Wenn schon keine fixe Stunde, dann wenigstens eine kleine Gewohnheit im Dienste meiner Stimmbänder. Und beim Radfahren bin ich immerhin schnell genug wieder vorbei, noch bevor mich jemand typisch wienerisch angranteln kann, ich solle doch bitte die Allgemeinheit mit meinem Gejaule/lieblichen Gesang verschonen.

In meiner Gemeinschaftswerkstatt arbeite ich oft alleine, kann also während des Ton-Knetens auch da völlig frei spontane Songs über das Töpfern und ein kreatives Leben anstimmen.

Als Hobby-Gehirnspezialistin bin ich davon überzeugt, dass sich kreative Tätigkeiten gegenseitig nähren. Ich erkläre mir das so: Die kreativen Gehirnzellen und -verknüpfungen werden angefeuert und gestärkt. So wird durch’s Singen doch bestimmt meine Keramik besonders melodisch (das Walzer-Lieblingshäferl wird sich freuen) und mein Schreiben noch rhythmischer.

Und irgendwann wird es auch was mit dem Schlagzeug. Wenn schon nicht in den ersten 40 Jahren, dann eben in der zweiten Lebenshälfte – ganz nach dem Motto musikalischer Lebensabschnittspartner.

Note to Self: Das Leben ist eine Ansammlung von Gewohnheiten. Und Gewohnheiten sind wie ein Buffett – such dir die aus, die dich anlachen.

 

Erstveröffentlichung: 22. Oktober 2026

Foto: Anna Tschirko

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