Keramik und die Eitelkeit.

Keramik und die Eitelkeit.

Machen wir es kurz: Eitelkeit hat in der Keramikwerkstatt keinen Platz. Hm, ist jetzt doch etwas zu knapp für die Kolumne. Schauen wir es uns genauer an.

Keramik bedeutet: Ton. Bedeutet Wasser, Schlamm, Staub. Ton, der sich gerne an alle möglichen und unmöglichen Körperteilen verkriecht, um in völlig unpassenden Situationen wiedergefunden zu werden. So sehr ich auch aufpasse und mich natürlich säubere, bevor ich die Werkstatt nach einem Arbeitstag verlasse, kommen Tonreste manchmal trotzdem überall hin mit. Brösel in den Haaren, Spritzer im Gesicht, eingetrocknete Patzen an den Oberarmen, Staub auf der Kleidung. Oder ich ziehe nach dem Umziehen am Schluss fälschlicherweise wieder die Arbeitsschuhe an und merke plötzlich, vor der Schule der Kinder im Kreis der anderen Eltern, dass ich meine Ton-Matsch-Staubschuhe trage. Oder eben einen Schlammpatzen im Gesicht habe. Oder ich bin völlig verschwitzt und zerzaust, weil Töpfern, wer hätte es gedacht, nicht nur meditativ-entspannend, sondern auch richtig anstrengend sein kann.

Dann gibt es den lieben Spiegel vor meiner Töpferscheibe. Während des Töpferns ist er eine tolle Hilfe, um die entstehende Form im Profil zu sehen, ohne mich ständig verbiegen zu müssen. Blöd nur, dass er mich, wenn mein Blick auf meinen nach unten über den Ton gebeugten Kopf fällt – was mit verkrampft-konzentriertem Gesicht einen besonders lieblichen Anblick abgibt – immer wieder daran erinnert, dass die Schwerkraft auch vor meinem Gesicht nicht Halt macht. Warte, kommt jetzt etwa doch Eitelkeit ins Spiel?

Ich verrate euch etwas – früher wunderte ich mich immer, warum „alte“ Menschen oft so grantig dreinschauen. Ist das Leben im Alter echt so triste? Jetzt weiß ich: Es ist reine Physik. Nicht, dass ich mich jetzt schon als alt bezeichnen würde, aber ja, auch mit Anfang 40 verhalten sich Muskeln und Gewebe im Gesicht schon anders.

Schnell lächle ich mich selbst im Spiegel an und erinnere mich daran, dass ich bei dem ganzen „auf ewig ausschauen wie Mitte 20“-Ding so und so nicht mitmachen will. Während ich weiter töpfere, fantasiere ich, wie es wohl wäre, wenn in Werbungen, auf Plakaten und in Magazinen hauptsächlich Frauen ab 50 zu sehen wären – mit sich natürlich verändernder Haarfarbe und dem Gesicht mit all den Linien, die das Leben ihnen geschenkt hat. Wenn genau diese Frauengesichter mit all ihren Spuren zusätzlich zu Weisheit auch für Lebensfreude, Selbstliebe und Schönheit stünden. Würden dann 20-Jährige beginnen, sich Extra-Faltencremes zu schmieren und die Haare in jungen Jahren schon silber färben? Ich hoffe nicht. Ich hoffe, sie würden ihr Leben als 20-Jährige genießen, genauso wie sie gerade sind. Und sich gleichzeitig auf die 40er, 60er und darüber hinaus freuen – auf die Lebensfreude, Weisheit, Selbstliebe und Schönheit.

Ich bin mit dem Töpfern fertig. Vorm Verlassen der Werkstatt werfe ich einen letzten Blick auf meine Arme und in den Spiegel. Habe ich es diesmal geschafft, alle Tonspuren restlos zu entfernen? Beim Zusperren rede ich der Physik gut zu, dass sie ruhig weiter ihr Ding machen darf – sowohl auf der Töpferscheibe (unbedingt bitte!) als auch in meinem Gesicht (so bleibt’s wenigstens spannend. Wäre ja fad, sein ganzes Leben lang gleich auszusehen).  Meine Mundwinkel ziehe ich trotzdem leicht nach oben, will ja nicht der nächsten, mir entgegenkommenden Person, als Wiener Grantscherben begegnen.

Note to Self: Es geht um die Keramik. Solange die auf ewig in Form bleibt, ist alles gut.

 

Erstveröffentlichung: 21. Oktober 2025

Zurück zum Blog