Gehen, nicht flüchten.

Gehen, nicht flüchten.

Statt fokussierter Arbeit starre ich den Bildschirm an und komme am aktuellen Projekt einfach nicht weiter. Vielleicht kennst du das: Du sitzt vor dem Computer und realisierst, dass du in der letzten Stunde so gut wie nichts Sinnvolles vollbracht hast. Bei mir wandern die Gedanken dann gern zu den großen Fragen des Lebens, und aus Erfahrung weiß ich: Wenn ich jetzt ins Grübeln komme, vergeude ich noch mehr Zeit – am Projekt wird null weitergehen, der Frust dafür ins Unermessliche steigen.

Also gibt es nur eine Lösung: Raus! Früher hatte ich immer ein schlechtes Gewissen. Es kam mir vor, als würde ich vor einer Herausforderung flüchten. Und außerdem: Mitten am Arbeitstag einfach spazieren gehen oder Erledigungen machen? Macht man nicht. Inzwischen weiß ich: Es ist immer ein Win-Win. Also vertraue ich auch heute darauf. Statt weiter mit leerem Blick Richtung Screen auf eine Eingebung zu warten, stehe ich auf und gehe los.

Es ist ein sonniger Tag in Wien. Sonnenbrille drauf, Ohrstöpsel hinein… Mist, doch nicht. Die habe ich ja vor kurzem verloren. Was mache ich jetzt ohne Podcast im Ohr? Nach dem erneut aufflammenden Frust freue ich mich darauf, einfach mal in Stille zu gehen und meine Gedanken dafür umso lauter zu hören. Das Blöde an der Sache nur: Erstens bin ich in der Großstadt und von Stille ist keine Spur, und zweitens bleibt die erhoffte Klarheit, sobald ich ins Gehen komme, heute anscheinend aus. Alles, was ich im Kopf höre, ist verworrenes Gemurmel. Frustlevel: steigend. Da ich eine Erledigung zu tun habe, gehe ich dennoch weiter. Ich setze einen Schritt vor den anderen und merke gar nicht, wie die selbstkritischen Gedanken über die fehlende Klarheit irgendwann verstummen und von heiterer Sonnenstimmung abgelöst werden.

Plötzlich stehe ich bei der roten Ampel, auf der anderen Seite des Zebrastreifens mein heutiges Ziel, und ich muss schmunzeln. Yes! 25 Minuten Fußmarsch und da ist sie, die Klarheit. Schnell retourniere ich die heute fälligen Bücher, widerstehe der Versuchung, direkt nach neuen zu schmökern, und als ich wieder bei der Kreuzung stehe, diktiere ich detailliert die nächsten Schritte meines Projekts ins Smartphone. In ein paar Minuten werde ich nicht nur erfrischt und mit neuer Klarheit wieder am Schreibtisch sitzen, sondern zusätzlich mit wertvollen Zeilen als Spaziergangs-Souvenir.

Note to Self: Die Konzentration schwindet? Vielleicht brauchst du einfach eine Pause.

 

Erstveröffentlichung: 5. November 2025

Foto: Anna Tschirko

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