Ja und Jetzt.
Mit 16 lernte ich eine der wichtigsten Lektionen meines Lebens. Sie begann mit einem „Das schaffst du körperlich nicht.“
Schulsportwoche, ich in der Mountainbike-Gruppe, auf der Hälfte der Bergstraße sind wir alle nur noch am Keuchen. „Umdrehen!“, lautete die Anweisung des Mountainbike-Trainers. Nur die zwei trainierten Burschen, die durften bis rauf fahren. „Ich will auch zum Gipfel“, meinte ich. Er schaute mich an. „Das schaffst du körperlich nicht. Du drehst mit uns allen um.“ In dem Moment spürte ich ein klares: JA. ICH WILL DA RAUF.
Der Trainer hatte gegen meinen immer stärker werdenden Willen keine Chance. Die Gruppe machte kehrt, der Trainer rollte bergab, die zwei trainierten Burschen waren längst voraus. Also war ich von einer Sekunde auf die andere plötzlich ganz alleine am Berg. Kein Handy, keinen Plan, wie lange es noch dauern würde. Zum Glück! So gab es kein: „Oje, noch 2 km, ob ich die schaffe? Ich bin doch jetzt schon so erledigt.“ Das Einzige, was für mich zählte: im kleinsten Gang gemächlich weiter strampeln.
Wir springen in die Gegenwart. Die häufigste Frage von Kund*innen auf meinen letzten Märkten war nicht wie früher „Machst du das selber?“, „Bietest du auch Workshops an?“ oder etwa „Was ist denn das für Material?“. Nein, es war ganz eindeutig: „Hast du auch einen Onlineshop?“ Ein einfaches „Nein“ wäre am wahrheitsgetreusten gewesen, aber ich habe es nie über die Lippen gebracht. Was ich stattdessen antwortete? „Er ist in Arbeit“. Irgendwie stimmte das ja auch, denn gedanklich hatte ich schon eine lange Zeit damit verbracht, ihn mir zu erträumen.
Seit Jahren schwirrte das Thema wie eine Wolke um meinen Kopf: teils voll Glitzer und Aufregung, als wäre sie einem Kinder-Einhorn-Fantasyfilm entsprungen. Teils wie ein nebliger Dunst, der Fragen mit sich brachte wie: Bin ich bereit für einen Onlineshop? Ist das nicht total kompliziert? Was, wenn niemand etwas kauft?
Vor Kurzem habe ich mich daran erinnert, dass eines meiner Jahresziele für 2025 war, den Shop endlich aufzusetzen. Das Jahr neigte sich dem Ende zu, von Shop war Anfang November weit und breit nichts in Sicht. Aber der Gedanke, in 2026 anzukommen, ohne es wenigstens probiert zu haben – sicher nicht! Und ich spürte es wieder: ein klares Ja. Was folgte auf das Ja? Das Jetzt.
Also schnappte ich mir mein metaphorisches Mountainbike und begann zu strampeln. Zwischen Familienfrühstück und Weihnachtsmarktproduktion sitze ich jede freie Minute am Laptop und Stück für Stück entsteht er, mein Shop. Der Ort, an dem ich meiner Keramik und meinen Stories so richtig Raum geben kann. Es fühlt sich wieder an, als wäre ich mutterseelenallein, irgendwo auf der Hälfte des Berges, der Weg kurvig und steil bergauf, ohne Ahnung, wie lange es eigentlich noch bis zum Gipfel ist.
Geht es sich bis Ende 2025 aus? Ich weiß es nicht. Und das ist auch okay. Denn das Wichtigste ist: Ich bin jetzt dran.
Also versuche ich so gut ich kann, die 16-Jährige in mir zu channeln – die es natürlich ganz hinauf geschafft hat – und trete – links-rechts-links-rechts – weiter in die Pedale. Dabei feiere ich jeden Dezimeter-Fortschritt und hoffe, dass in Retrospektive das Onlinestellen des Shops nicht der Gipfel meiner Keramiker- und Autorinnenkarriere sein wird, sondern erst der Anfang.
Note to Self: Ist es steil, holprig, kurvig? Dann hast du immer noch deinen Willen, dein Ja und dein Jetzt.
Erstveröffentlichung: 26. November 2025