Vom Schönreden und radikaler Ehrlichkeit.

Vom Schönreden und radikaler Ehrlichkeit.

Für jede geschriebene Seite sollten Autor*innen 100 Seiten lesen, höre ich eine österreichische Schriftstellerin sagen. In dem Moment mutiere ich – der Liebe zum Schreiben sei Dank – mit 41 tatsächlich noch zur Musterschülerin.

Kurz nach meinem Entschluss, diesem Rat Folge zu leisten, finde ich mich in der Wiener Hauptbücherei vor dem Regal „Szene Österreich“ wieder. Der rote Korb füllt sich rasant – so viele wohlklingende Titel und schöne Buchcover, die müssen einfach mit. Mit zunehmendem Büchergewicht am Arm komme ich langsam aber sicher ins Schwitzen. Ich habe ja sogar noch ausgeliehene Bücher zu Hause, wann soll ich die alle lesen? Meine Speed-Reading-Kenntnisse aus Uni-Zeiten werde ich wohl wieder aktivieren müssen. 

Frohen Mutes gehe ich zum Automaten, scanne meine Karte und danach die Bücher. Doch dann: Warnung! Die maximale Anzahl ist erreicht, die Hälfte der Bücher muss wieder zurück ins Regal. Sofort gibt meine innere Kritikerin ihren Senf dazu ab: „Toll gemacht, Serena – hättest auch vorher checken können, wie viele Bücher du noch zu Hause hast.“ Mit leicht hängendem Kopf, aber weiterhin ganz Musterschülerinnen-like, sortiere ich die Bücher wieder in die jeweiligen Lücken ins Regal. 

In den nächsten Wochen lese ich wie unter Strom ein Buch nach dem anderen. Über eines der Bücher scheint einer Vorleserin die Parfümflasche ausgeronnen zu sein. Es riecht so intensiv süß, dass ich es weit weg halten muss, um trotz Geruchsbelästigung überhaupt lesen zu können. Glücklicherweise ist die extrakleine Schrift auch mit weit ausgestreckten Armen gerade noch entzifferbar, und das Buch interessant und kurz genug, um sowohl diese wenig bequeme Lesehaltung, als auch das unfreiwillige Parfümbad bald wieder hinter mir zu haben.

Und dann geht mir die Luft aus! Nicht wegen der Parfümwolke, die längst verflogen ist, sondern weil hunderte Seiten täglich zu lesen über einige Wochen hinweg too much sind. Wird vielleicht doch nichts mit meiner Musterschülerinnenkarriere. Vor allem aber beschleicht mich jedes Mal, wenn ich meinen Blick vom ausgeliehenen Buch in meiner Hand auf das Bücherregal hebe, ein unangenehmes Gefühl.  

Im Japanischen gibt es ein Wort für das Phänomen, ungelesene Bücher anzuhäufen: Tsundoku. Ein paar Tage zuvor hatte ich davon gehört und mich sofort ertappt gefühlt. Meine Konsequenz, noch bevor ich mir des vollen Ausmaßes meiner Bücher-Anhäuf-Lust bewusst bin: ein selbst auferlegter Bücherausleih- und -kaufstopp! Ein paar Bücher auf Vorrat zu haben ist doch okay, sage ich mir aber immer noch vor, während ich ein Ungelesenes nach dem anderen aufstaple. Phu!, immerhin ist der Stapel kleiner als ich. Dachte ich, bevor ich beschloss, schonungslos ehrlich mit mir selbst zu sein und auch noch die ungelesenen Erziehungsratgeber, Beziehungsratgeber, Schreibratgeber und sonstige einzeln herumliegende Bücher zusammenzusuchen. Und dann, Schock: 129! Zwei Stapel, jeweils fast so groß wie ich. Andere Leute haben Veranstaltungs-FOMO. Stellt sich heraus: ich habe Bücher-FOMO.

Die wichtigsten ausgeliehenen Bücher dürfen noch bleiben, die anderen bringe ich retour. Leicht beschämt, aber umso erleichterter. Jetzt weiß ich wenigstens, was Sache ist, und brauch mir selber nichts mehr vorzumachen. Außerdem kann ich voll entspannt in die Herbst-/Winter-Lesesaison starten: Der Lesestoff geht mir bestimmt nicht aus. 

Note to Self: Radikale Ehrlichkeit kann unangenehm sein. Dafür mindestens genauso befreiend.

 

Erstveröffentlichung: 8. Oktober 2025

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