Verletzlichkeit üben.

Verletzlichkeit üben.

Wenn schon radikale Ehrlichkeit mein momentanes Leitwort ist, dann möchte ich heute auch mit euch komplett ehrlich sein. Der wahre Grund, warum ich diese Kolumne hier schreibe, ist nicht nur, um euch mit meinen verschriftlichten Gedanken zu beglücken (obwohl ich das auch total schön finde und hoffe, sie beglücken euch weiterhin, statt euch zu verdrießen). Er ist auch nicht, um endlich wieder ernstgenommen zu werden, wenn ich schon Kinder habe, die endgültig beide in der „Erwachsene und alles, was sie sagen, ist peinlich“-Phase angekommen sind. Nein, der wahre Grund ist: Ich möchte aktiv üben, verletzlich zu sein.

Wie fühlt es sich an, potenziell für die ganze Welt Texte hinauszulassen und darin Dinge von mir preiszugeben?

Damit ihr eine Ahnung meines Toleranzlevels dafür habt, Privates öffentlich zu teilen (oder auch für das Ausmaß meines Mitteilungsbedürfnisses Personen gegenüber, die nicht gerade meine drei besten Freundinnen sind): Wenn ich an den Sachunterricht in der Volksschule denke und an die Momente, in denen die Lehrerin meinte, ich solle im Sitzkreis doch auch einmal eine Geschichte erzählen, die ich erlebt habe, wäre ich am liebsten im Erdboden versunken. Rot angelaufen bis obenhin, schwitzend, starr, stumm. Sachunterricht wegen nicht vorhandener Mitarbeit der einzige Zweier im Zeugnis.

Das steht dann doch im leichten Widerspruch zu meinem Wunsch, ganze Bücher zu veröffentlichen, statt sie nur als Manuskripte auf meinem Laptop (oder aufgestapelt unter hunderten anderer Einsendungen auf den Schreibtischen von Agenturen und Verlagen) zu wissen. Also gab es für mich nur einen Weg: üben. Zum Glück habe ich „Daring Greatly“ (und andere Bücher) von Brené Brown gelesen. Ihr Spezialthema: Vulnerability und Shame. Passt!

Die Bücher, die mich am meisten bewegen, sind ehrlich und persönlich. Also möchte ich das für mein Schreiben auch – und die Kolumne ist mein Trainingsfeld.

Wenn ich (dann, irgendwann, hoffentlich) Bücher von mir publiziere, will ich es gewohnt sein, dass der Text nicht mehr „meiner“ ist, sobald er in den Händen der Leser*innen liegt. Er gehört dann nur noch der lesenden Person, die damit macht, was sie will. Sie wendet die eigenen Filter an, interpretiert auf ihre Weise, beurteilt ihn oder schenkt ihm auch einfach gar keine Beachtung. Und wenn ich möchte, dass das bei einem Text von mehreren hundert gedruckten Seiten okay für mich ist, dann wollte ich für mich einen Raum schaffen, mich heranzutasten. Kolumne für Kolumne.

Bald entlasse ich (voraussichtlich :-) ) die ersten paar Short Stories in die Öffentlichkeit und siehe da: Es macht mir kaum mehr Angst, daran zu denken, was mit ihnen passiert, wenn ich sie aus meinem geschützten, privaten Raum, in dem sie völlig frei von möglicher Kritik, Missinterpretation und Urteil sind, in die Hand der Leser*innen übergebe. So ein Short-Story-Leben wäre nur als File auf meinem Laptop zwar sehr behütet, aber auch sehr einsam. Denn siehe da, die Storys wollen genau das: hinaus in die Welt, sich zeigen, mitteilen, berühren.

Und damit das letzte Stückchen Angst vor diesem nächsten Schritt sich auch noch verflüchtigt, schreibe ich – wie euch und mir selbst angekündigt – weiterhin jede Woche bis zum Ende der ersten Staffel eine neue Folge dieser Kolumne.

Here I am, writing and being vulnerable.

Note to Self: Mut entsteht im Tun. Also leg einfach los.

 

Erstveröffentlichung: 12. November 2025

Foto: Anna Tschirko

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